Vor nun fast genau einem Jahr, kurz nachdem Amazon seinen deutschen Kindle-Shop eröffnet hatte, flatterte mir eine Pressemitteilung ins Haus. Carsten Scheibes Typemania-Büro titelte: “Rainer Wolf von arktis.de hängt Dan Brown und Frank Schätzing ab!” - Rainer Wolf? Zwar war mir der Apple-Händler arktis.de ein Begriff, aber mit dessen Geschäftsführer kam ich erst jetzt ins Gespräch - in meinem Alltag als Redakteur im Ressort Forschung & Technik des FOCUS geht es sonst eher um Technik-Produkte als um die Menschen, die sie verkaufen. Wolf erzählte mir beinahe unglaubliches - von dreistelligen Verkaufszahlen berichtete der Hobbyautor. Pro Tag! Obwohl ich mich schon länger mit eBook-Lesegeräten und dem eBook-Markt befasst hatte, hielt ich eBooks zu diesem Zeitpunkt noch für ein US-Phänomen. Ja, Amanda Hocking war gerade berühmt geworden. Aber good old Germany, mit seinen konservativen Lesern?
Doch Rainer Wolfs Zahlen schienen eine andere Welt zu zeigen. Es gab offenbar auch in Deutschland schon jede Menge Menschen, die Lesefutter für ihren eReader suchten. Aber wie überprüft man solche Behauptungen? Am besten durch ein Experiment. Warum nicht einfach selbst ein eBook einstellen? Und was kauft ein Mensch, der sich eben gerade ein neuartiges Gerät zugelegt hat, mit gewisser Wahrscheinlichkeit als erstes? Ein Handbuch dazu. Erfahrung mit dem damals einzigen in Deutschland verfügbaren Kindle hatte ich schon, Amazon half mir zusätzlich, indem man dem Gerät kein deutschsprachiges Handbuch beilegte - also los, eine Anleitung musste her, garniert mit vielen Tipps und Tricks, die in einem gewöhnlichen Handbuch sowieso keinen Platz finden. Ich schrieb den Text mit OpenOffice, speicherte als HTML und nutzte MobiPocket Creator, um das eBook zu erzeugen - eine Vorgehensweise, die ich heute nicht mehr empfehlen würde. Gute zwei Wochen später ging “Kindle - das inoffizielle Handbuch. Anleitung, Tipps und Tricks” online, zum Preis von 2,99 Euro - was mir auch die 70-Prozent-Tantieme von Amazon sichern würde. Ich war gespannt.
Vier Tage später hatte ich 100 Stück verkauft. Eine weitere Woche später, am Monatsletzten des Mai, hatte die Zahl die 1000 überschritten. Schnell war das eBook in Amazons Top 100 eingestiegen (wo es sich seit nun 339 Tagen befindet). Und täglich arbeitete es sich in den Ranglisten nach oben. 22. Mai: Platz 30. 24. Mai: Platz 2. Dass es die Spitze der Charts erobern würde, darauf machte ich mir keine Hoffnungen: Denn dort fand sich bereits ein Kindle-Handbuch eines Wettbewerbers. Schnell waren die Preise angeglichen - und der Erstplatzierte ist der einzige Titel. der einem Kindle-Nutzer beim Öffnen des Kindle-Store sofort angezeigt wird. Tja, ich wüsste nicht zu sagen, woran es lag, der Konkurrent hatte den Preis seines Handbuchs sogar noch auf 99 Cent gesenkt - und trotzdem war es am 27. Mai so weit: Mein Kindle-Handbuch stand in den Amazon-Charts auf Platz 1. Und ich konnte bestätigen: Rainer Wolfs Zahlen waren korrekt.
So weit die erfreulichen Tatsachen - ich lernte mit der Zeit auch die unerfreulichen Seiten kennen. Dazu gehörten zum Beispiel Hass-Rezensionen, immer wieder unter verschiedenen Accounts eingestellt, und das auf sehr plumpe Weise, so dass auch für den Rezensions-Prüfer bei Amazon schnell ersichtlich war, dass hier jemand mit dem Rezensions-System Schindluder trieb. Dann versuchte es jemand gar mit einer Erpressung: Wenn ich mich nicht zur Zahlung einer bestimmten Summe verpflichte, würde man mein Geschäft virtuell zerstören, indem ein anderes Produkt kostenlos angeboten würde (technisch ist das via KDP bis heute gar nicht möglich, außer für kurzfristige Werbeaktionen). Später fügte dann Amazon selbst in den Beschreibungen aller Kindle-Handbücher von Drittautoren den Passus ein, dass es auch von Amazon selbst eine Dokumentation gebe - ich hatte meine Leser schon selbst darauf hingewiesen.
Das Handbuch erlebte fast Monat für Monat eine neue Auflage, immer wieder wurde es aktualisiert und an neue Kindle-Modelle angepasst (heute ist es in elfter Auflage erhältlich). Kindle-Kalender und Englisch-Wörterbücher für den Kindle folgten. Im Sommer dann der eBook-Preis für meine auf Buchlänge ausgebaute Fukushima-Reportage. Ein Handbuch für den Kobo Touch - bei Amazon interessanterweise öfter verkauft als im Kobo-Store direkt.
Nicht jedes Projekt erwies sich als Erfolg oder wurde gar wie mein Handbuch zum offiziellen Kindle-Bestseller 2011: Kindle für Kinder - der Familienratgeber zum elektronischen Lesen etwa, das mit erheblichem Aufwand im Dezember entstand, verkauft sich nach wie vor sehr schleppend - und ich habe keine Idee, woran das liegt. Beim Handbuch zum Blackberry Playbook ist mir das schon klarer: Das Playbook-Tablet selbst war in Sachen Verkauf nicht der Hit, den ich erwartet hatte. Sehr zufrieden bin ich hingegen mit meinem “Die neue Biografie des Universums“, das ich erstmals auch in einer Version mit iBooks Author erstellt habe.
Was mir in all dieser Zeit am meisten Spaß gemacht hat, war vor allem der direkte Kontakt zum Leser. Mein Eindruck: man sollte nicht darauf warten. Viele Leser können sich gar nicht vorstellen, den Autor direkt fragen zu können. Also tummele ich mich in den einschlägigen Kindle-Foren, helfe mit meinem Fachwissen, ohne dauernd auf meine Bücher hinzuweisen, erfahre direkt, welche Probleme die Leser haben. Meine größte Belohnung war deshalb ein Thread mit dem Titel “Vielen Dank, Matthias Matting“, der seit Oktober im Amazon-Forum läuft. Ich habe aber im Gegensatz zu einem Verlags-Autor überhaupt erst die Chance, inhaltlich schnell zu reagieren. Ich kann mich nicht nur für Fehler entschuldigen (die jedem passieren) - ich kann Anregungen sofort umsetzen. Eine in einer Rezension geäußerte Sachkritik? Kein Problem, das Buch ist binnen 24 Stunden angepasst. Jemand schafft es nicht, einen Tipp aus dem Buch umzusetzen? Dann übernehme ich das eben, natürlich kostenlos. Die Gegenleistung übernimmt der Leser dann gern: mich und meine Bücher weiterzuempfehlen.
